Chronic Care Congress
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Frankfurter Rundschau vom 23.12.2015

Die Versorgung chronisch Kranker ist ein Problem

von Franz Knieps

Wie lange dauert die Heilung eines Menschen von einer typischen Erkrankung? 45 Minuten antworten Spötter und verweisen auf die Länge einer Episode in einer typischen deutschen Arztserie, wie sie in vielen Programmen läuft. Zu Beginn der Sendung liefert ein Rettungswagen einen schwer kranken oder verletzten Patienten in ein modernes Krankenhaus ein und eine Dreiviertelstunde später können ihn die Ärzte, die heroisch um sein Leben gekämpft haben, geheilt entlassen.

Fiktion sagen aufgeklärte Beobachter. Allerdings: Wer das deutsche Gesundheitswesen näher betrachtet und es mit anderen Ländern vergleicht, wird leicht feststellen, dass die Akutversorgung vorbildlich ist und zu den Besten der Welt gehört. Wie aber sieht es mit der Versorgung chronisch kranker oder multimorbider Menschen aus?
Hier schwächelt das deutsche Gesundheitswesen. Probleme bestehen insbesondere an den Schnittstellen zwischen Haus- und Fachärzten, ambulanter und stationärer Behandlung, kurativer und pflegerisch-rehabilitativer Versorgung sowie allgemein zwischen Ärzten und anderen Gesundheitsberufen. Gründe hierfür sind unabgestimmte Planungen von Kapazitäten, ökonomische Fehlanreize oder unzulängliches Prozessmanagement.

Der größte Fehler sitzt jedoch „zwischen den Ohren“. Die meisten Akteure folgen einem falschen Leitbild, das von der Kuration akuter Erkrankungen geprägt ist. Die Wirklichkeit des Krankheitspanoramas sieht jedoch schon lange anders aus. Es dominieren chronische Erkrankungen mit langwierigem degenerativem Verlauf. Der BKK-Gesundheitsreport 2015 liefert hierzu erschreckende Zahlen. Langzeiterkrankungen verursachen unermessliches Leid und horrende Kosten. Sie sind eine Gefahr für Menschen und Wirtschaft. Was also tun?

Eine einfache Lösung, ein medizinisches Wunder, gibt es nicht. Vielmehr bedarf es des Zusammenwirkens aller Akteure, vor allem aber die Veränderung der inneren Einstellung – weg von dem Heroen, hin zum Teamplayer. Hilfreich für die Initiierung von Veränderungen könnten die positiven Erfahrungen sein, die mit dem Nationalen Krebsplan seit 2009 gemacht wurden. Ein Nationaler Aktionsplan Langzeiterkrankungen muss her, Minister Gröhe – übernehmen Sie!

Der Autor ist Vorstand des BKK-Dachverband und Mitherausgeber des BKK-Gesundheitsreports.